Wirtschaft

Automobilproduktion steht weitgehend still

Werksschließungen und Kurzarbeit in der Automotive-Branche treffen auch die Transportwirtschaft. Warum sich die Produktions- und Logistikketten der Automobilproduktion nicht mit dem Corona-Virus vertragen, erfahren Sie hier.

Von

Viele Autowerke in Europa haben geschlossen oder den Betrieb stark eingeschränkt

Der Automotive-Sektor ist aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie weitgehend zum Stillstand gekommen. Viele Automobilhersteller, darunter auch Europas größte Autobauer PSA und der Volkswagenkonzern stoppten die Produktion. Zuletzt hatte Volkswagen angekündigt, dass alle Pkw- und Komponenten-Werke ebenso wie jene von Volkswagen Nutzfahrzeuge die Fertigungspause bis zum 19. April verlängern. Auch der Lkw-Bauer Scania machte seine Werke dicht, MAN schickte seine Mitarbeiter in Kurzarbeit. Der Paccar-Konzern, zu dem auch DAF gehört, hat seine Werke in Europa und den USA ebenfalls bis mindestens Anfang April geschlossen. Auch Daimler setzte die Fertigung im Großteil seiner europäischen Pkw-, Transporter und Nutzfahrzeug-Werke aus. Der Kipperproduzent Meiller, der erst heuer sein neues Werk in Oed-Oehling in Niederösterreich in Betrieb genommen hat, stellte die Produktion vorübergehend ein. Der österreichische Spezialist für Feuerwehrfahrzeuge, Rosenbauer, verlegt den Betriebsurlaub aus dem Sommer vor. Die Mitarbeiter befinden sich von 6. bis 17. April im Urlaub, für die Zeit danach wurde vorsorglich Kurzarbeit angemeldet. Auch der Motorradbauer KTM, der inzwischen als Pierer Mobility firmiert, hat seine Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt und nimmt dafür staatliche Hilfe in Anspruch. Gleichzeitig wollte sich Mehrheitseigentümer Stefan Pierer mehrere Millionen Euro Dividende auszahlen lassen, was zu einem öffentlichen Aufschrei führte. Inzwischen wurde die Dividendenzahlung gestoppt, die Kurzarbeit bleibt. Auch Magna in Steyr hat seine Produktion in Graz in der zweiten Märzhälfte eingestellt, will diese aber ab Anfang April schrittweise wieder hochfahren und nach Ostern auch die Serienfertigung wieder aufnehmen. Der Zulieferer ZKW, ein Spezialist für Lichtsysteme mit Sitz im niederösterreichischen Wieselburg, hat seine Werke in Wieselburg, Haag und Dietach auf einen stark eingeschränkten Betrieb umgestellt. Wo immer möglich, wurde die Fertigung bis auf weiteres ausgesetzt. „Darüber hinaus nutzen wir das Covid-19-Kurzarbeitmodell und Homeoffice, um diese Ausnahmesituation zu bewältigen“, erklärt Oliver Schubert, CEO der ZKW Group. Als Grund nannte man den Produktionsstopp von wichtigen Kunden wie BMW, Audi und VW.

© Hödlmayr

Auslieferungen von Neufahrzeugen finden aktuell noch statt

Was derzeit noch läuft ist die Auslieferung von Neufahrzeugen. Der Fertigfahrzeuglogistiker Hödlmayr hat aktuell rund 30 % seiner Flotte in Betrieb und dieser Anteil ist momentan auch stabil. Die meisten Mitarbeiter, die nicht im Lkw sitzen, sind im Homeoffice wenn möglich. Dort wo es nötig ist werden staatliche Hilfsmaßnahmen wie die Kurzarbeit in Anspruch genommen. „Wir passen unsere Kapazitäten jeweils der Auftragslage an“, bringt Markus Formann, Unternehmenssprecher von Hödlmayr, die Situation auf den Punkt. Noch sind die meisten Häfen in Betrieb, die Übernahme von Importfahrzeugen ist dadurch weiterhin möglich. Durch die weitreichenden Schließungen von Fahrzeugwerken in ganz Europa ist aber wohl mit einem Rückgang des Nachschubs an Fertigfahrzeugen zu rechnen.

Komplexe Verflechtung von Produktion und Logistik

Neben Behördenauflagen und internen Maßnahmen zur Erhaltung der Gesundheit ihrer Mitarbeiter begründeten viele Automobilhersteller die Werksschließungen mit der schwierigen Situation hinsichtlich der Produktionsversorgung. Die Automobilherstellung ist durch komplexe Lieferketten und engmaschige Verflechtungen mit Zulieferbetrieben über mehrere Ebenen gekennzeichnet. Um Lagerkapazitäten zu sparen, setzt man üblicherweise auf die Lieferung von Komponenten „Just-in-Time“ und „Just-in-Sequence“, also die pünktliche Anlieferung zur richtigen Zeit und in der richtigen Reihenfolge direkt ans Montageband. Dieses fragile Gebilde aus Produktion und Logistik verträgt sich schlecht mit der aktuellen Krisensituation, die durch unvorhersehbare Transportzeiten aufgrund von Grenzwartezeiten und Werksschließungen auch auf Seiten der Zulieferer gekennzeichnet ist. Es ist dies ein weiterer Rückschlag für eine Industrie, die ohnehin mit einem sehr schwierigen Jahr gerechnet hatte. Experten rechneten damit, dass der Pkw-Absatz in Europa heuer um rund fünf Prozent zurückgehen würde. Noch düsterer waren die Prognosen im Nutzfahrzeuggeschäft. So gingen Insider schon vor Eintreffen der Corona-Pandemie davon aus, dass das Neuwagengeschäft im Lkw-Bereich in Europa starke Einbußen im zweistelligen Bereich wird hinnehmen müssen. Diese Prognose hat sich angesichts der jüngsten Entwicklungen wohl nicht verbessert