Interview : Wie nachhaltig ist HVO?

Mag. Armin Springer, Bereichsleiter Retail Eni Austria
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Herr Springer, Sie sind Experte in der Energiebranche und verantworten in Ihrer Rolle als Bereichsleiter bei Enilive Austria auch die Einführung und weitere Verbreitung von HVOlution, einem erneuerbaren Diesel. Können Sie uns erklären, was HVO ist und warum es derzeit so viel Aufmerksamkeit erhält?
Gerne. HVO steht für „Hydrotreated Vegetable Oil“, auf Deutsch „hydriertes Pflanzenöl“. HVOlution ist der erste Dieselkraftstoff von Enilive, der zu 100 Prozent aus erneuerbaren Rohstoffen hergestellt wird (gemäß der "REDII"-Richtlinie 2018/2001). Hauptsächlich handelt es sich dabei um Abfallstoffe wie Altspeiseöl, Tierfette und Rückstände aus der Agrar- und Lebensmittelindustrie. Man kann es in validierten Dieselmotoren verwenden, ohne dass Anpassungen an den Motoren notwendig sind. Das macht es zu einer zukunftsorientierten Alternative, um die Treibhausgasemissionen signifikant zu reduzieren.
Sie sprechen von einem speziellen Herstellungsprozess. Wie unterscheidet sich dieser Prozess von dem, der zur Produktion von Biodiesel verwendet wird?
Der Hauptunterschied liegt in der Art der Behandlung der Rohstoffe. Während bei der Produktion von Biodiesel eine Veresterung der Fettsäuren stattfindet, wird HVO durch Hydrierung gewonnen. Bei diesem Prozess werden pflanzliche Öle oder tierische Fette mit Wasserstoff behandelt, wodurch Kohlenwasserstoffverbindungen entstehen, die dem fossilen Diesel sehr ähnlich sind. Dadurch erhält man einen besonders reinen Kraftstoff mit hoher Qualität.
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HVO trägt erheblich zur Dekarbonisierung des Transports bei, insbesondere in den sogenannten „Hard to abate“-Sektoren wie dem Schwerlastverkehr und der Luftfahrt.Mag. Armin Springer, Bereichsleiter Retail Eni Austria
Die Reduktion von Treibhausgasemissionen ist ein wichtiges Thema bei HVO. Wie nachhaltig ist dieser Kraftstoff im Vergleich zu fossilem Diesel oder Biodiesel?
HVO trägt erheblich zur Dekarbonisierung des Transports bei, insbesondere in den sogenannten „Hard to abate“-Sektoren wie dem Schwerlastverkehr und der Luftfahrt. Betrachtet man die gesamte Wertschöpfungskette, erzeugt HVO 60–90 Prozent weniger Treibhausgase (CO₂eq) im Vergleich zu herkömmlichem Diesel, wobei der genaue Prozentsatz von den eingesetzten Rohstoffen abhängt.
Sie haben die Nutzung von Abfällen erwähnt. Was genau kann als Rohstoff für die Produktion von HVO verwendet werden?
Derzeit produziert Enilive in seinen Bioraffinerien in Porto Marghera (Venedig) und Gela (Italien) HVO dank der Ecofining™-Technologie, die von Eni in Zusammenarbeit mit Honeywell-UOP entwickelt wurde. Dank ihrer Flexibilität ermöglicht Ecofining™ die Verarbeitung unterschiedlicher Rohstoffe bei gleichbleibender Produktqualität: Die Bioraffinerien werden ständig weiterentwickelt, um sich nicht nur an die Verwendung neuer und unterschiedlicher Rohstoffe, sondern auch an die Marktnachfrage nach immer kohlenstoffärmeren Endprodukten anzupassen.
Heute werden beide Standorte hauptsächlich mit Abfallrohstoffen wie Altspeiseöl, tierischen Fetten und einem Restanteil an Pflanzenölen betrieben, die auf Umtriebsflächen und degradierten Flächen angebaut werden und in Übereinstimmung mit den europäischen Richtlinien für erneuerbare Energien sowie der lokalen Regierung ausgewählt wurden. Ende 2022 hat Eni Palmöl als Rohstoff für die Bioraffinerien in Venedig und Gela endgültig abgeschafft.
Um eine Versorgung seiner Bioraffinerien zu gewährleisten, entwickelt Eni in mehreren Ländern Projekte für den Anbau und die Pressung von Saatgut für die Herstellung von Pflanzenölen. Zu den „neuartigen Pflanzenölen“, die von agri-hub business entwickelt werden, gehören Deckfrüchte und Pflanzen, die auf degradierten Flächen angebaut werden.
HVO ist vielseitig einsetzbar. Es kann in allen validierten Dieselmotoren verwendet werden, ohne dass Anpassungen notwendig sind, was es für den Straßenverkehr sehr attraktiv macht.Mag. Armin Springer, Bereichsleiter Retail Eni Austria
Welche Einsatzgebiete gibt es für HVO? Wird es nur im Verkehrssektor verwendet, oder gibt es auch andere Bereiche?
HVO ist vielseitig einsetzbar. Es kann in allen validierten Dieselmotoren verwendet werden, ohne dass Anpassungen notwendig sind, was es für den Straßenverkehr sehr attraktiv macht. Gerade Flottenbetreiber und Logistikunternehmen setzen zunehmend auf HVO, um ihre CO₂-Bilanz zu verbessern. Aber auch in der Luft- und Schifffahrt wird HVO bereits eingesetzt, nachdem die Einsparungspotenziale hier besonders hoch sind.
Gibt es bereits Länder oder Unternehmen, die HVO im großen Stil einsetzen?
Ja, wir von Enilive vertreiben HVOlution in Österreich bereits an rund 26 Service-Stationen mit einem Entwicklungspfad für die kommenden Jahre. In Italien ist HVOlution bereits an fast 1.200 Enilive-Stationen verfügbar. Auch in skandinavischen Ländern wird HVO schon flächendeckend genutzt, während der Markt in den Niederlanden und Deutschland zunehmend wächst.
Viele europäische Unternehmen, darunter auch große Transportunternehmen und Logistikkonzerne, setzen auf HVO, um die steigenden Anforderungen an die CO₂-Reduktion zu erfüllen. Es gibt auch einige Bahn-, Flug-, und Schifffahrtsgesellschaften, die mit HVO experimentieren, um langfristig ihre Treibhausgasemissionen zu senken.
Auf europäischer Ebene haben die meisten EU-Mitgliedstaaten bereits jährliche Erhöhungen der Biokraftstoff-Beimischungsziele ab 2024 festgelegt.Mag. Armin Springer, Bereichsleiter Retail Eni Austria
Zum Thema Gesetzgebung: Welche Rolle spielt die Politik bei der Verbreitung von HVO? Gibt es spezifische Anreize für Unternehmen, die auf diesen Kraftstoff umsteigen?
Die EU hat klare Vorgaben und Ziele zur Reduktion von CO₂-Emissionen. In vielen Ländern gibt es Steuererleichterungen für Unternehmen, die nachhaltigere Kraftstoffe nutzen. Auch Österreich bietet Förderungen, und HVO kann unter die Treibhausgas-Reduktionsquote (GHG-Quote) angerechnet werden. Die Politik spielt eine wichtige Rolle: Die Energiewende verläuft schneller, wenn ein entsprechender politischer Rahmen vorhanden ist – sowohl auf der Seite der Produzenten als auch auf der der Verbraucher.
Auf europäischer Ebene haben die meisten EU-Mitgliedstaaten bereits jährliche Erhöhungen der Biokraftstoff-Beimischungsziele ab 2024 festgelegt, im Rahmen ihrer Verpflichtungen aus der REDII-Richtlinie. Weitere Erhöhungen werden mit der Umsetzung von RED III erwartet, sowie ab 2025 durch die ReFuelEU-Verpflichtung für den Luftfahrtsektor.
Ein häufiges Argument gegen alternative Kraftstoffe sind die höheren Kosten. Wie teuer ist HVO im Vergleich zu herkömmlichem Diesel, und wie wirkt sich das auf den Markt aus?
Derzeit ist HVO in der Produktion teurer als fossiler Diesel, vor allem aufgrund des aufwendigen Herstellungsprozesses und der Notwendigkeit von bestimmten Rohstoffen. Genau hier helfen gute politische Rahmenbedingungen, da sie die höheren Anfangskosten der Umstellung abfedern können – wie es beispielsweise bei Solar- und Windenergie der Fall war.
Langfristig erwarten wir jedoch, dass sich die Preise für HVO angleichen, da die Preise für fossile Kraftstoffe aufgrund von Umweltauflagen und CO₂-Steuern weiter steigen dürften. Technologische Fortschritte und größere Produktionsmengen werden ebenfalls dazu beitragen, HVO wettbewerbsfähiger zu machen.
Ich bin überzeugt, dass HVO einen festen Platz in der Energielandschaft der Zukunft haben wird, insbesondere in Sektoren, in denen eine direkte Elektrifizierung schwierig ist, wie im Lastverkehr sowie in der Luft- und Schifffahrt.Mag. Armin Springer, Bereichsleiter Retail Eni Austria
Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen, die HVO in der Zukunft bewältigen muss?
Eine der größten Herausforderungen ist die Produktverfügbarkeit. Um dies frühzeitig anzugehen, wird Enilive die dritte Bioraffinerie in Livorno bauen und arbeitet an Projekten in Malaysia und Südkorea. Die Umwandlung von Livorno folgt auf die erfolgreichen Umstellungen in Porto Marghera (2014) und Gela (2019) und steht im Einklang mit der Dekarbonisierungsstrategie von Enilive, die Klimaneutralität bis 2050 anstrebt. Das Ziel ist, die Kapazität der Bioraffinerien von derzeit 1,65 Millionen Tonnen pro Jahr auf über 5 Millionen Tonnen bis 2030 zu erhöhen. Darüber hinaus muss die Akzeptanz in der Öffentlichkeit und der Industrie weiter gestärkt werden.
Zum Abschluss Herr Springer, wie sehen Sie die Zukunft von HVO? Wird es eine bedeutende Rolle im Energiemarkt der kommenden Jahrzehnte spielen?
HVOlution ist Evolution. Ich bin überzeugt, dass HVO einen festen Platz in der Energielandschaft der Zukunft haben wird, insbesondere in Sektoren, in denen eine direkte Elektrifizierung schwierig ist, wie im Lastverkehr sowie in der Luft- und Schifffahrt. Die Vorteile hinsichtlich der Reduzierung der Treibhausgasemissionen und der vielseitigen Einsatzmöglichkeiten sprechen klar für HVO.
Es wird jedoch entscheidend sein, den Rohstoffbedarf nachhaltig zu decken und die Produktionsprozesse weiter zu verbessern, um das Potenzial von HVO weiter zu skalieren. Prognosen zufolge wird die weltweite Nachfrage nach hydrierten Biokraftstoffen zwischen 2024 und 2028 um 65 Prozent steigen. (Quelle: IEA Renewables 2023 Report, Main Case, Analysis and forecast to 2028)
*Nach den Kriterien der Richtlinie (EU) 2018/2001 "REDII" liegt die Reduzierung der CO2eq-Emissionen von HVOlution entlang der Logistik- und Produktionskette im Jahr 2022 zwischen 60% und 90% im Vergleich zum fossilen Referenzmix (d.h. 94g CO2eq /MJ), je nach den für die Herstellung verwendeten Rohstoffen.