Connected Services : Generation Plattform: Wie Software die Nutzfahrzeugentwicklung verändert
Wer in der Lage ist, neue Funktionen schnell, sicher und skalierbar über die gesamte Fahrzeuglinie auszurollen, verschafft sich entscheidende Vorteile, sowohl in der Produktion als auch im Betrieb. Doch genau hier liegt die Herausforderung: Viele OEMs arbeiten mit fragmentierten und historisch gewachsenen Systemlandschaften, deren mangelnde Integration zu einer hohen Anzahl an Schnittstellen und ineffizienten Prozessen führt. Das Ergebnis: hohe Komplexität, langsame Innovationszyklen und enorme Kosten.
Komplexität mit Architektur beherrschen
Die Einführung vernetzter Services, Over-the-Air-Updates und variantenreicher Funktionen ist nur möglich, wenn die Softwarearchitektur modular gedacht ist. Einzelne Features lassen sich dann wie Bausteine kombinieren, testen und ausrollen, unabhängig von der Fahrzeugvariante oder vom Markt. Diese Modularität ist die Voraussetzung, um auch regulatorische Anforderungen effizient umzusetzen und gleichzeitig Raum für Differenzierung zu lassen. Denn während sich Kernfunktionen durchaus standardisieren lassen, bleibt der Freiraum für markenspezifische UX, Fahrverhalten oder Services ein entscheidendes Differenzierungsmerkmal.
Application Lifecycle Management als strategischer Orchestrator
Im Zentrum dieser neuen Architektur steht das Application Lifecycle Management (ALM). Es sorgt dafür, dass Software-Assets nicht isoliert entstehen, sondern als Teil eines orchestrierten Entwicklungs- und Betriebsmodells geführt werden. So lassen sich alle Schritte entlang des Produktlebenszyklus effizient miteinander verknüpfen. Die Vorteile sind konkret messbar: weniger Redundanz, kürzere Time-to-Market, mehr Wiederverwendung. Gleichzeitig erlaubt es ALM, Rückverfolgbarkeit, Sicherheit und Compliance systematisch abzusichern – eine Voraussetzung für den Marktzugang in regulierten Märkten.
Der Intelligent Product Lifecycle als Basis
Doch ALM allein reicht nicht aus. Erst die Einbettung in einen übergreifenden Intelligent Product Lifecycle (IPL) schafft die notwendige Transparenz und Flexibilität. IPL ermöglicht es, Entwicklungsdaten, Variantenkonfigurationen, Softwarestände und Nutzungsszenarien in einem konsistenten Datenmodell zu verbinden. Diese Datenkontinuität ist nicht nur essenziell für Wartung und Support, sondern auch für die Wiederverwendbarkeit von Komponenten und Plattformen. Gerade bei skalierbaren Fahrzeugarchitekturen mit vielen Derivaten ist dies ein kritischer Erfolgsfaktor – insbesondere, wenn verschiedene Entwicklungsteams parallel an unterschiedlichen Modulen arbeiten.
Von starren Strukturen zur Plattform
Doch um dieses Potenzial wirklich auszuschöpfen, müssen auch die technischen Voraussetzungen stimmen. Noch immer sind viele Fahrzeugplattformen historisch gewachsen und damit schwer integrierbar. Unterschiedliche Subsysteme, fehlende Schnittstellenstandards und manuelle Übergaben zwischen Abteilungen führen zu Silos. Diese Strukturen stehen einer modernen Produktentwicklung im Weg. Wer sich davon lösen will, muss frühzeitig in standardisierte APIs, modellbasierte Ansätze und toolübergreifende Datenverfügbarkeit investieren. Nur so lassen sich agile Entwicklungsmodelle wie DevOps, Continuous Integration und automatisiertes Testing überhaupt sinnvoll implementieren.
Engineering beschleunigen, ohne an Qualität zu verlieren
Gerade im Nutzfahrzeugbereich gilt: Schnelligkeit darf nicht auf Kosten der Zuverlässigkeit gehen. Fahrzeuge sind nicht nur Produkt, sondern Teil kritischer Liefer- und Versorgungsketten. Softwarefehler oder Integrationsprobleme können reale, wirtschaftliche Schäden verursachen. Umso wichtiger ist ein robuster und gleichzeitig flexibler Entwicklungsprozess. Mit einem intelligenten Zusammenspiel aus ALM, PLM und Model-Based Systems Engineering (MBSE) lässt sich diese Balance erreichen: agile Entwicklung bei gleichzeitig vollständiger Rückverfolgbarkeit und Einhaltung aller Qualitäts- und Zulassungsanforderungen.
Der Autor, Michele Del Mondo,verantwortet als Global Advisor Automotive das weltweite Automotive Business bei PTC.