Elektromobilität : Netzengpässe umgehen

Oegema entwickelte gemeinsam mit Partnern ein integriertes Energiesystem

Oegema entwickelte gemeinsam mit Partnern ein integriertes Energiesystem

- © Erik Jansen Fotografie

Aktuell erleben Unternehmen angesichts wachsender E-Lkw-Flotten und Ausbauzielen für Schnellladeinfrastrukturen regionale Netzengpässe. Diese bremsen das Potenzial der E-Mobilität im Schwerlastverkehr aus. Doch gerade in der angespannten Versorgungslage wächst der Innovationsdruck: Wie kann ein zuverlässiges und wirtschaftliches Laden gewährleistet werden, wenn Netzanschlüsse an ihre Grenzen stoßen? Die neuesten Trends in der Elektromobilität zeigen: Technologische Lösungen wie intelligente Energiemanagementsysteme, lokale Stromerzeugung und Batteriespeicher verschieben die Grenzen des Machbaren und bieten Strategien und können Netzengpässe flexibel umgehen. Eine KI-basierte Steuerung, die Kombination aus Solarenergie und Speicher sowie eine marktbasierte Integration ermöglichen den Betrieb von Flotten, ohne dass teure Netzverstärkungen erforderlich sind. Vorausschauende Konzepte für Ladeinfrastruktur und Energieversorgung unterstützen Klimaschutzziele und können wirtschaftliche Vorteile schaffen. 

Herausforderungen der Flottenelektrifizierung

Doch die Umsetzung ist komplex. Insbesondere die nötige Infrastruktur, wie leistungsfähige Netzanschlüsse, Planungssicherheit, Steuerungssysteme, ist vielerorts nicht vorhanden. Die Elektrifizierung des Schwerlastverkehrs ist technisch und wirtschaftlich machbar, wird jedoch gebremst durch knappe Netzkapazitäten, schwankende Strompreise, hohe Investitionskosten und langwierige Genehmigungsverfahren. Ein Engpass betrifft den Netzzugang: Der parallele Ausbau von Elektrofahrzeugen, Wärmepumpen und industriellen Verbrauchern führt regional zu Überlastungen. Ein Oegema Transport aus den Niederlanden hat das Problem gelöst, indem es auf eine eigene, netzentlastende Energielösung setzt. Es steuert seine eigene lokale Stromerzeugung aus Batteriespeicherung und Echtzeitsteuerung und ermöglicht somit eine skalierbare und wirtschaftliche Elektrifizierung des eigenen Fuhrparks. Das Beispiel von Oegema zeigt: werden Ladeinfrastrukturen durch intelligentes Lastmanagement gesteuert, drohen keine hohe Netzentgelte oder Investitionszwang. Außerdem sind sie nicht den schwankenden Strompreisen an den Energiebörsen ausgesetzt und haben ihre Ladeplanung und auch Kosten voll unter Kontrolle. 

Wachsender Ladebedarf bei begrenztem Netzanschluss

Oegema Transport ist ein mittelständisches Logistikunternehmen mit Sitz in dem niederländischen Dedemsvaart. Mit dem Ziel, Emissionen zu senken und langfristig klimaneutral zu arbeiten, begann Oegema mit der Umstellung auf elektrische Lkw. Inzwischen umfasst die E-Flotte 34 Fahrzeuge bei gleichbleibender Netzanschlussleistung von 1,4 Megawatt. Bei der Planung der Ladeinfrastruktur war für Oegema Transport entscheidend, ein Energiesystem zu entwickeln, das sowohl technisch robust als auch wirtschaftlich tragfähig ist. Dabei standen vier Anforderungen im Mittelpunkt: Erstens sollte die lokal erzeugte Solarenergie von 3MWp effizient genutzt werden, um den Eigenverbrauch zu maximieren. Zweitens musste auch bei Engpässen im öffentlichen Stromnetz eine unabhängige und zuverlässige Lademöglichkeit gewährleistet sein. Drittens musste das System mit der wachsenden Flotte von E-Lkws skalierbar sein, von anfänglich sechs Fahrzeugen auf inzwischen 34. Und viertens sollte das Gesamtkonzept langfristig wirtschaftlich betrieben werden können. Darüber hinaus bestand das Ziel, durch die aktive Teilnahme am Energiemarkt zusätzliche Erlöse zu generieren, beispielsweise durch Stromhandel, Netzdienstleistungen oder die Anrechnung erneuerbarer Kraftstoffe. 

Intelligentes Energiemanagement

Zur Umsetzung dieser Anforderungen entwickelte Oegema gemeinsam mit den Partnern iwell, Zonnegilde, Eneco und ABB ein integriertes Energiesystem. Zonnegilde hat die Ladelösung bei Oegema von der Planung bis zur Umsetzung begleitet. Die Schnellladegeräte stammen von ABB. Eneco steuert die Energie und nutzt das System für den Handel auf dem Energiemarkt, während iwell den Batteriespeicher und das Energiemanagementsystem (EMS) lieferte und dafür sorgte, dass alle technischen Teile gut zusammenarbeiten. So wurde aus vielen Einzelteilen ein zuverlässiges und gut funktionierendes Gesamtsystem. 

Technisch basiert die Lösung auf mehreren miteinander vernetzten Komponenten: Ein Batteriespeicher mit einer Kapazität von 3,2 Megawattstunden (MWh) und einer Ladeleistung von 5 Megawatt (MW) bildet das Rückgrat der Versorgung. Er ist direkt mit einer Photovoltaikanlage auf dem Dach des Logistikzentrums verbunden, die über eine installierte Leistung von 3 Megawatt Peak (MWp) verfügt. Für den Ladebetrieb der E-Lkw wurde eine Schnellladeinfrastruktur eingerichtet, die auf die Anforderungen schwerer Nutzfahrzeuge zugeschnitten ist. Das intelligente Energy Management System (EMS) von iwell steuert sämtliche Energieflüsse, also das Zusammenspiel von Solarstrom, Batteriespeicher und Ladeinfrastruktur. Es analysiert in Echtzeit die aktuelle Erzeugung, den Ladebedarf sowie die verfügbaren Netzkapazitäten und koordiniert die Abläufe entsprechend. So ist es trotz eines begrenzten Netzanschlusses von nur 1,4 MW möglich, den Ladebetrieb aufrechtzuerhalten und den Energieeinsatz effizient zu gestalten. Das System ist modular aufgebaut, was eine zukünftige Erweiterung ermöglicht – etwa um weitere Fahrzeuge, zusätzliche Ladepunkte oder Speicher –, ohne dass grundlegende Änderungen an der Netzarchitektur nötig sind. Das EMS koordiniert den Einsatz von Solarstrom, Batteriekapazität und Ladeinfrastruktur. Es analysiert kontinuierlich die aktuelle Energieproduktion, den Ladebedarf und die Marktpreise. Anhand dieser Daten werden Entscheidungen darüber getroffen, wann Strom gespeichert, verbraucht oder ins Netz eingespeist wird. Dabei kommen auch KI-gestützte Prognosemodelle zum Einsatz, etwa zur Vorhersage von Solarerträgen oder zur Einschätzung von Strompreisschwankungen am Markt. 

Nutzung zusätzlicher Einnahmequellen

Das intelligente Energiemanagementsystem ist so ausgelegt, dass es den Eigenverbrauch optimiert und an Strommärkten teilnimmt. Wer Energie zum richtigen Zeitpunkt kauft, speichert und handelt, macht sie zu einem wirtschaftlichen Vermögenswert. Das Projekt bei Oegema zeigt, wie Unternehmen auch bei begrenzter Netzkapazität auf Elektromobilität umstellen können. Die Kombination aus lokaler Stromerzeugung, Speichersystemen und intelligenter Steuerung eröffnet neue Spielräume, insbesondere für Unternehmen mit hohem Energiebedarf und wenig Planungssicherheit bei Netzanschlüssen.