Wirtschaft

Tatra kommt bei Spekulationen um das MAN-Werk in Steyr ins Spiel

Eine Meldung der oberösterreichischen Nachrichten entwickelte sich über Nacht zu einer Sensations-Story: Tatra bekundet Interesse am Lkw-Werk in Steyr, sollte sich MAN tatsächlich zurückziehen.

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Lkw-Produktion von Tatra in Koprivnice in Tschechien

„Interesse für Übernahme – MAN: Tschechische Tatra könnte Eigentümer Traton ablösen“, so lautet eine Headline der Kleinen Zeitung. Dem vorausgegangen war ein Bericht in den Oberösterreichischen Nachrichten, den auch die APA und der ORF aufgegriffen hatten. „Ich kann bestätigen, dass Tatra grundsätzlich Interesse an einem Engagement in Steyr hat“, wurde Anton Bucek zitiert, der im Team des österreichischen Tatra-Generalimporteurs Tschann Nutzfahrzeuge als Repräsentant für öffentliche Organisationen fungiert. Man sei derzeit bemüht, sich mit der Regierung auf ein Memorandum zu verständigen. Es gehe zunächst um die grundsätzliche Frage, ob der politische Wille bestehe, Steyr als Produktionsstandort für schwere Nutzfahrzeuge zu erhalten. Inzwischen sollen bereits hochrangige Manager von Tatra mit dem Wirtschaftsministerium in Kontakt stehen. Zuvor hatte Ministerin Schramböck angekündigt, ein Konsortium für die Nachnutzung des Produktionsstandorts Steyr zusammenstellen zu wollen, sollte MAN die Produktion tatsächlich absiedeln.

© Ludwig Fliesser

Das Team des österreichischen Tatra-Generalimporteurs Tschann am Stammsitz von Tatra in Tschechien: (v.l.) Pavel Lazar, CEO Tatra Trucks, Šárka Haladejová, Business Development Dept. Manager, Petr Hendrych, CCO Tatra Trucks, DI Robert Kerschl, Vertriebsleiter Tatra bei Tschann Nutzfahrzeuge, Anton Gebert, Marketingleiter Tschann, Simon Vorderegger, Verkaufsberater Tschann

Seit der Kündigung der Standortsicherungsverträge für das Werk in Steyr durch das MAN-Management kämpft der dortige Betriebsrat um den Verbleib der rund 2.300 Arbeitsplätze. Eine Einigung mit dem Management zeichnet sich jedoch nicht ab, im Gegenteil: Erst kürzlich hat der MAN-Betriebsrat die Verhandlungen aus Protest unterbrochen, weil man seitens des Konzerns zu keinerlei Zugeständnissen bereit gewesen sei. Wie es weitergeht, bleibt offen: Aktuell steht die Schließung des Werks im Jahr 2023 und die Absiedelung der Produktion nach Polen und in die Türkei im Raum. Dass sich mit Tatra nun ein erfolgreicher Lkw-Hersteller aus dem nördlichen Nachbarland Tschechien für den Standort in Oberösterreich interessiert, dürfte der Angelegenheit eine neue Dynamik verleihen.

Verglichen mit MAN ist Tatra mit einer Jahresproduktion von rund 1.200 Fahrzeugen ein kleiner Lkw-Produzent. Der Hersteller konnte jedoch – gegen den Trend – auch in Zeiten von Corona seinen Absatz steigern. Insidern zufolge ist Tatra aber nicht groß genug, um das Werk alleine zu übernehmen. Eine Beteiligung an einem Konsortium zur Rettung des Produktionsstandorts Steyr wäre aber durchaus im Bereich des Möglichen. Dazu müsste letztlich aber auch der derzeitige Eigentümer des Werks, MAN, mitspielen und den Standort verkaufen.

© Ludwig Fliesser

Das legendäre Zentralrohrahmenkonzept von Tatra geht auf den österreichischen Konstrukteur Hans Ledwinka zurück. Dessen Sohn, Erich Ledwinka, war für die Konstruktion der Offroad-Fahrzeuge Steyr-Puch „Haflinger“ und „Pinzgauer“ maßgeblich verantwortlich, die unter anderem als Militärfahrzeuge des österreichischen Bundesheers dienten. Haflinger und Pinzgauer werden inzwischen nicht mehr produziert. Mit Tatra könnte der Zentralrohrrahmen im österreichischen Fahrzeugbau eine Renaissance erleben