Sicherheit

Nachrüstlösungen für Lkw-Abbiegeassistenten im Test

Der ÖAMTC zeigt im Test, dass die Technik funktioniert, nun liege die Verantwortung bei Politik und Transportunternehmen. Auch sei die Typisierung neuer Lkw mit einem Abbiegeassistenten als Serienausstattung noch heuer möglich.

Weil es beim Aufeinandertreffen von Lkw und Bussen mit ungeschützten Verkehrsteilnehmern immer wieder zu gefährlichen Situationen kommt, hat der ÖAMTC gemeinsam mit seinen Partnern die Leistungsfähigkeit von vier nachrüstbaren Abbiegeassistenten untersucht. Das Fazit: Die Systeme sind in der Lage, ungeschützte Verkehrsteilnehmer zu erkennen und einen Unfall zu verhindern. "Auch wenn nicht jeder Assistent in jedem Szenario gleich zuverlässig arbeitet, erfüllen alle vier getesteten Systeme die Voraussetzungen, die etwa in Deutschland gelten, um eine Förderung für die Nachrüstung zu erhalten", fasst Gerhard Blümel, Lkw-Experte des ÖAMTC, zusammen.

Radar mit Vorteilen gegenüber Ultraschall

Im ÖAMTC-Test besonders überzeugt hat das Nachrüst-System AAS von MEKRA Lang. Blümel erklärt: "Die Kombination aus Radarsensor und Kamera-Monitor-System hat sich als sehr zuverlässig erwiesen. Diese Technologie kann mehrere stationäre und bewegliche Objekte gleichzeitig erfassen und differenzieren und es kam auch bei den Versuchen im realen Verkehrsgeschehen zu keiner Fehlauslösung."

Auch die Nachrüst-Lösungen Mobileye Shield+ und LUIS Technology Turn Detect funktionierten im Test zufriedenstellend. "Das System von Mobileye beobachtet mit zwei Kameras das Verkehrsgeschehen und warnt den Fahrer mittels optischen Signals auf der A-Säule. Errechnet die Software eine bevorstehende Kollision, gibt es zusätzlich eine akustische Warnung", erklärt Blümel. Die Rate der Fehlauslösungen lag bei rund sechs Prozent. Der Abbiegeassistent von LUIS Technology verfügt über eine Kamera und einen Monitor in der Fahrerkabine, auf dem ungeschützte Verkehrsteilnehmer im Gefahrenbereich rot hervorgehoben werden. Ist das beim Abbiegevorgang der Fall, wird der Fahrer auch akustisch gewarnt. Hier lag die Rate der Fehlauslösungen bei rund 22 Prozent.

© ÖAMTC

Als überzeugend erwies sich im Test die Kombination aus Kamera-Monitorsystem und Radarsensoren

Am Abbiegeassistenten von Wüllhorst Fahrzeugbau/EDEKA zeigten sich hingegen die Schwächen von Ultraschallsensoren: Mit fast 60 Prozent Fehlauslösungen schnitt das System in der realen Straßensituation am schwächsten ab. "Diese Technologie kann nicht zwischen ungeschützten Verkehrsteilnehmern und Objekten wie Ampeln unterscheiden. Auch wenn ein Monitor dem Fahrer bei der Identifizierung hilft, bindet eine solche Fehlerrate zu viel Aufmerksamkeit und schadet der Akzeptanz des Systems", sagt Blümel.

Serienausstattung und Nachrüstung – beides kann noch heuer beginnen

Die EU sieht die verpflichtende Serienausstattung mit Abbiegeassistenten erst ab 2022 in allen neuen Fahrzeugtypen und ab 2024 in allen Neufahrzeugen vor. Aus Sicht des Mobilitätsclubs bedeutet das allerdings nicht, dass die Lkw-Hersteller bis dahin warten müssen. "Eine Typisierung von Lkw mit neuen Abbiegeassistenten sollte nach jetzigem Kenntnisstand ab Oktober 2019 möglich sein. Bis dahin werden voraussichtlich die genauen Spezifikationen stehen, die die Systeme ab 2022 erfüllen müssen. Somit steht einer freiwilligen Serienausstattung, die noch heuer beginnen kann, nichts entgegen", erklärt ÖAMTC-Direktor Oliver Schmerold.

Was die Nachrüstung des Fahrzeugbestandes betrifft, wurde eine entsprechende Förderung von Verkehrsminister Norbert Hofer bereits zugesagt. Nun geht es darum, die Regeln festzulegen, wie die Frächter und Busunternehmen dazu kommen – die Kosten liegen bei den getesteten Nachrüstsystemen zwischen ca. 800 und 2.500 Euro (dazu kommen noch die Kosten für den Einbau). "Aus unserer Sicht könnte man sich dabei im Wesentlichen an der Förderrichtlinie des deutschen Verkehrsministeriums orientieren. Dann liegt es in der Eigenverantwortung der Transport-Unternehmen. Rein technisch steht einer Nachrüstung der Lkw- und Busflotten in Österreich nichts mehr im Wege", sagt Schmerold.

Unabhängig davon erneuert der Mobilitätsclub seinen beim Lkw-Sicherheitsgipfel vorgebrachten Wunsch, das Thema "toter Winkel" verstärkt in die Praxisinhalte der Berufskraftfahrer-Weiterbildung aufzunehmen, die 2020 novelliert wird. "Generell wird nur ein gesamtheitlicher Ansatz zum Erfolg führen, wenn man die Zahl der Opfer des toten Winkels reduzieren will", so der ÖAMTC-Direktor. Neben dem möglichst flächendeckenden Einsatz von Abbiegeassistenten, den der Mobilitätsclub nach wie vor auch auf nationaler Ebene fordert, sollten Kampagnen, Förderungen und Verkehrssicherheitsprogramme zur Bewusstseinsbildung beitragen.