Nach der Corona-Krise

Logistik überlegt Glokalisierung statt Globalisierung

Logistikexperten arbeiten derzeit an der Aufbereitung von Transport- und Handelsdaten, um die Resilienz der Grundversorgung in der Corona-Krise zu erhöhen. Wir haben mit Peter Schieder vom Fraunhofer Institut Austria in einem Interview über verwundbare Lieferketten gesprochen und wie es nach der Krise weitergehen könnte.

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TRAKTUELL: China hat den Beginn gemacht: Zahlreiche Länder grenzen sich voneinander ab, um das Coronavirus "auszusperren". Dabei leiden aber auch die Logistikketten und zeigen ihre Verwundbarkeit, je länger sie sind. Wird sich die Lage nach der Eindämmung wieder einpendeln - oder geht die Überlegung dahin, dass die gesamte Supply Chain überdacht werden muss und sie wieder nationaler und zentraler gestaltet wird?

Schieder: Keine Lieferkette der Welt ist auf einen derartigen globalen Ausfall ganzer Wirtschaftsräume und Branchen vorbereitet - sowohl auf Absatz als auch auf Beschaffungsseite. Das wäre auch zu viel verlangt. Es konnte aber aufgezeigt werden, wie fragil global aufgestellte Wertschöpfungssysteme sein können und kritische Punkte über Jahre hinweg oft nur durch „Feuerwehr-Aktionen“ am Laufen gehalten wurden. 

TRAKTUELL: Wie könnte es nun also weitergehen?

Schieder: Die oft stark verschränkten Prozesse von Lieferketten können nur in einem bestimmten Korridor funktionieren - trotz massiven Einsatzes moderner IT-Systeme und der Digitalisierung. Das lässt sich in bestehenden Systemen auch nicht so schnell ändern. Dazu müssen die Strukturen einer Supply Chain zum Teil komplett neu aufgesetzt werden.

Vor allem der Abriss global aufgestellter Transportketten hat Unternehmen vor teilweise unlösbare Aufgaben gestellt. Wirksame Gegenmaßnahmen erfordern daher ein Querdenken bekannter Ansätze, um die Versorgungssicherheit auch für solche Situation etwas besser aufzustellen. Eine Kombination der Vorteile aus Globalisierung und Lokalisierung - auch als „Glokalisierung“ bezeichnet - wird dazu gerade heiß diskutiert.           

TRAKTUELL: Die Kette zwischen Automobilzulieferer und Hersteller war besonders schnell von der Krise betroffen. Die Just-In-Time-Produktion ist auf eine störungsfreie Lieferkette angewiesen, doch der Ausbruch dieses Virus konnte ihre Grenzen aufzeigen. Glauben Sie, dass nach dieser Krise auf andere Produktionsformen umgestiegen wird? 

Schieder: Bei großvolumigen, kapitalintensiven oder variantenreichen Gütern wird auch weiterhin eine Just-In-Time-Belieferung aufgrund kurzer Vorlaufzeiten, benötigter Flächen oder der Kapitalbindung wirtschaftlich sinnvoller sein als zum Beispiel eine längerfristige Lagerhaltung

Gerade die Automobilindustrie hat oft mit sehr individuellen Bauteilen zu tun, die sich aufgrund der Menge der verschiedenen Ausführungen nicht so einfach auf Lager legen lassen. Man muss auch die Kapitalbindung berücksichtigen, die dabei entstehen würde: vom dazu erforderlichen Flächenbedarf an Logistikflächen einmal abgesehen. Eine Strategieänderung in einer derart global agierenden Branche hin zu intensiver Lagerhaltung ist de facto nicht durchführbar. 

TRAKTUELL: Was würden Sie den Automobilherstellern stattdessen raten? 

Schieder: Möglich wäre ein teilweiser Ausbau der eigenen Kernkompetenzen beziehungsweise Wertschöpfungstiefe, um von Zulieferern wieder etwas unabhängiger zu werden. 

Dem entgegen steht jedoch die bisher durchaus erfolgreiche Strategie der Konzentration auf die Kernkompetenzen, das dem hohen Komplexitätsgrad der Automobilfertigung und der Vielzahl der dazu erforderlichen Technologien geschuldet ist. 

Zusätzlich würden hier je nach Warengruppen immense Skaleneffekte und damit Kostenhebel verloren gehen, die sich unmittelbar im Fahrzeugpreis niederschlagen würden und dergleichen. Am Ende muss der Kunde zahlen. 

TRAKTUELL: Also sehen Sie hier nicht viel Spielraum für ein Umdenken? 

Schieder: Aus der aktuellen Sicht ist das eine Spirale nach unten. Ich sehe derzeit kaum Spielraum für ein kurzfristiges Umdenken auf der Herstellerseite. Eine Entschleunigung der Lieferkette und der Aufbau nachhaltigerer Wertschöpfungsketten ist sicherlich ein Paradigma, welches sich mittel- bis langfristig durchsetzen wird.

TRAKTUELL: Es findet ein „Rückzug ins Private" statt. Gerade KEP-Dienstleister müssen jetzt verstärkt aktiv sein, um die Menschen zuhause zu beliefern. Denken Sie, dass sich hier nach der Krise etwas Grundlegendes in der Gesellschaft verändern wird und die Lieferungen aus Warenlagern den Einzelhandel vor Ort endgültig wegradieren werden? 

Schieder: Die langfristigen ökonomischen Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf den stationären Einzelhandel sind noch nicht wirklich abschätzbar, auch wenn schon jetzt klar ist, dass nicht alle Unternehmen wieder aufstehen werden. 

Die bisherigen Trends in Bereich Einzelhandel - zum Beispiel E-Commerce, flexible Zustellung oder City-Logistik - werden meiner Meinung nach auch weiterhin bestehen bleiben: Der KEP-Sektor wird weiter boomen. 

Andererseits erfahren Gedanken wie Waren aus der Region“ und  „Schau auf Dein Grätzel“ eine Renaissance. Der stationäre Einzelhandel muss jedoch entsprechende Angebote und Dienstleistungen liefern - und zwar jetzt. Das ist eine Riesenchance um sich neu aufzustellen.

Traktuell: Wichtig ist es gerade in diesen Zeiten Partnerunternehmen zu haben, auf die man sich verlassen kann. Ist jetzt die Zeit gekommen, sich von jenen zu verabschieden, die sich in der Krise als nicht sonderlich kompetent erwiesen haben? 

Schieder: Die Corona-Krise stellt sicher eine kritische Phase für jedes Unternehmens dar, in der entschieden werden muss, welche Kunden- und Lieferantenbeziehungen man unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit weiter bedienen kann und welche nicht. 

Doch teilweise fehlt einfach das Verständnis für die Zusammenhänge in der gesamten Lieferkette. In Krisensituationen ist dann häufig jeder sich selbst der Nächste. Die Möglichkeiten zu proaktivem Krisenmanagement und wirksamen Gegenmaßnahmen nehmen entsprechend ab. Das konnten wir in den letzten Wochen beobachten.  

Ein kollaborativer Ansatz und Loyalität während der Krise haben sicher eine positive Auswirkung auf die Zeit danach. Man muss dabei bedenken, dass die Zeit des Wiederhochlaufs auch eine sehr schwierige Zeit für die Betriebe wird.

TRAKTUELL: Glauben Sie, dass durch die Coronavirus-Krise die Logistik-Betriebe höhere Hygienestandards und Homeoffice verstärkt beibehalten werden? Und wenn dem so wäre: Mit welchen neuen Standards ist hier zu rechnen? 

Schieder: Die Hygienestandards werden sicherlich auf einem höherem Niveau als noch vor vier Wochen zum Standard werden, da Pandemie-Szenarien verstärkt ins Risikomanagement der Betriebe aufgenommen werden müssen. Da wird das Management gefordert sein, auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen angemessen zu reagieren und auch die Mitarbeiter durch durchdachte organisatorische Maßnahmen proaktiv zu schützen.

TRAKTUELL: Wie sieht es beim Arbeiten von zu Hause aus? 

Schieder: Die Logistikbranche ist ein sehr schnelles und hektisches Geschäft, kurze Kommunikations- und Entscheidungswege sind daher essentiell. Die vorhandenen Strukturen und Abläufe sind zum Teil noch sehr traditionell gestaltet. Man lebt oft von persönlichen Beziehungen und den vorhandenen Informationen. Das wird sich auch so schnell nicht ändern. 

Aktuell hat die schnelle Umstellung der Logistikbranche in den indirekten Bereichen auf Homeoffice beziehungsweise Telearbeit jedoch gezeigt, welche Potentiale und Möglichkeiten bereits existierende Technologien zusätzlich bieten können. Hier wird sicherlich nachgerüstet werden müssen. 

Zur Person: 

Peter Schieder studierte Wirtschaftsingenieurwesen-Maschinenbau an der TU Wien und ist seit 2010 bei der Fraunhofer Austria Research GmbH tätig. Seit 2015 leitet er dort den Geschäftsbereich Produktions- und Logistikmanagement in Wien und widmet sich Problemstellungen aus den Bereichen Fabrik- und Lagerplanung über Instandhaltung und Anlagenmanagement bis hin zu Supply Chain Management und Transportoptimierung.